Ein Neuanfang als Entschuldigung 💛
- Anne Estermann

- 17. Feb.
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 18. Feb.
Ihr Lieben, es wird Zeit:
Ich mache Platz für Neues, ohne das Bisherige zu verlieren.
Und in meinem Fall ist das Neue etwas, was mir sehr am Herzen liegt. Und versteht mich nicht falsch: Meine Erfahrungen zu teilen, für andere Betroffene da zu sein, ein wenig Mut zu machen und mir damit auch Mut zu geben, wird mir immer wichtig bleiben. Ich bin auch weiterhin da. Aber es ist an der Zeit, nach vorne zu schauen und auch etwas für mich zu machen.
Aber mal von vorne…

Wenn mir drei Dinge schon immer wichtig waren, dann sind dies Tiere, das Schreiben und die Musik.
Besonders Letzteres hat mich immer auf andere Gedanken gebracht, wenn ich zum Beispiel traurig war. Als Kind und später Teenager habe ich auch immer viel Musik gehört und davon geträumt, in der Musikszene zu arbeiten – ich wusste aber nicht wie. Ich kannte niemanden, hatte kein Vitamin B und der Wunsch schien unerreichbar zu sein. Dann las ich eines Tages über ein Moderationscasting in der Zeitung, welches von dem damaligen Jugendradiosender in der Stadt, in der ich wohnte, veranstaltet wurde. Ich bewarb mich, wobei ich mir wenig Hoffnungen machte. Zu meinem Erstaunen wurde ich aber eingeladen und ging an einem Samstagmorgen hin. Ich war bei weitem nicht die Einzige, die ihr Glück versuchen wollte, so erhielt jeder von uns vor Ort einen Text, den er im Nebenraum in ein Mikrofon vortragen sollte.
Das tat ich und brachte den anwesenden Redaktionsleiter und Tontechniker zum Lachen. Man sagte mir, ich hätte eine gute Stimme und ihnen gefiel mein Name.
Mit einem guten Gefühl ging ich dann nach Hause und erhielt kurze Zeit später die Zusage, dass ich eine derjenigen war, die eine Ausbildung zur Hörfunkmoderatorin machen durfte. Das tat ich auch, während ich morgens bis Nachmittag studierte und arbeitete und am Abend im Radiostudio war. Kurze Zeit später, und mit allen Abschlüssen in der Tasche, wanderte ich in die Schweiz aus und arbeitete nebenbei bei einem Internetradio. Dort kümmerte ich mich um das Programm und hatte zwei eigene Sendungen. Die erfolgreichste und welche mir besonders am Herzen lag, hiess «RockDestiny». In dieser spielte ich Rock- und Metalmusik und fing an, Schweizer Metalbands zu interviewen. Irgendwann interviewte ich bekanntere Bands – im Radiostudio, aber auch auf Konzerten und Festivals.

Eines Tages wurde ich gefragt, ob ich in der Jury des Schweizer Metal Battles sitzen möchte. Dieser Bandwettbewerb findet in (fast) jedem Land statt (wobei damals noch im kleineren Rahmen). Bei diesem treten Metalbands gegeneinander an. Die Gewinnerband eines jeden Landes tritt dann am grössten Metalfestival der Welt, dem Wacken Open Air, gegen die anderen Gewinnerbands der anderen Länder auf. Zum Schluss kürt die Jury eine Gewinnerband, welche einen Plattenvertrag erhält. Und genau in dieser internationalen Jury sass ich einige Jahre und lernte so meine anderen Kollegen aus den anderen Ländern kennen, aber auch viele weitere und bekannte Bands. Bis heute bin ich mit den Meisten (auch mit den Gewinnerbands) befreundet und in Kontakt. Da grüsse ich doch jetzt einmal herzlich meine Freunde aus den Niederlanden, Spanien und Brasilien! 👋
Rückblickend gesehen, war es eine manchmal anstrengende, aber doch sehr bereichernde Zeit, in der ich viel gelernt habe. Auf jeden Fall habe ich vor allem positive Erfahrungen gemacht. Die Jahre danach waren aber durchwachsen, geprägt von einigen Tiefschlägen. Aber ich zog auch von Basel nach Luzern, gründete eine Familie und widmete mich erst einmal meinem Kind. Als dieses fünf Jahre alt war, erhielt ich die Diagnose Hirntumor und wie man ja mittlerweile weiss, änderte dies noch einmal alles.

Ich wurde operiert, wobei mir der Tumor bereits den Gleichgewichts- und Hörnerv kaputt gemacht und meinen Gesichtsnerv lädiert hat. Ich bin zu 100% auf dem rechten Ohr gehörlos und habe eine Fazialisparese, die wohl auch bleiben wird.
Im Krankhaus kam mir aber die Idee, mit meiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen. Ich wollte anderen Betroffenen Mut machen, da ich selber bis dahin wenig, bis gar keine Informationen im Internet gefunden hatte. Und das tat mir sehr gut – der Austausch, die Offenheit, die Wärme, die ich bekommen habe. Ich bin sehr dankbar dafür und Dankbarkeit ist auch etwas, was mich durch mein Leben begleitet.
Denn das Leben ist meist nicht gradlinig, schon gar nicht meines, aber ich weiss, wie mir unter anderem mein Optimismus geholfen hat. Das alles werde ich auch nicht aufgeben, aber mein Fokus hat sich etwas verlagert. Nicht, weil es mir keine Freude mehr bereitet, mich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Im Gegenteil. Ich werde immer für andere Betroffene da sein, aber ich möchte nun etwas für mich persönlich machen – und wieder in die Musik einsteigen. Denn Musik war auch all die Jahre ein stets treuer Begleiter in meinem Leben. Dieses Mal möchte ich aber nicht mehr nur hinter den Kulissen tätig sein, sondern etwas mehr vorne.
Aber glaubt mir, ich habe lange überlegt…
Denn auch, wenn man es nicht glauben mag, bin ich doch eher introvertiert. Ich liebe es, Texte zu schreiben und mich künstlerisch auszuleben. Bis dato aber vor allem für mich, meist bei mir zu Hause am Schreibtisch und ohne grosses Tamtam. Ich dachte auch immer, dass meine Musik nie so gut sein wird, sie zu veröffentlichen und hatte auch nie das richtige Equipment, oder die nötige Unterstützung. Das änderte sich aber im letzten Jahr.

Das letzte Jahr war, lasst mich sagen, durchwachsen. Es war nicht per se schlecht, aber auch nicht grossartig. Es ist einiges passiert und meist kam alles auf einmal – aber das scheint immer so zu sein. Nie kommt etwas gestaffelt auf einen zu, sondern man wird quasi überrollt.
Aber bitte habt dafür Verständnis, dass ich nicht näher darauf eingehen möchte.
Auf jeden Fall versuchte ich das Beste aus allem zu machen und mich auch abzulenken. So war ich im Sommer länger mit dem Kind im Urlaub, nahm mir mehr Social-Media-Auszeiten und die Letzte war von Oktober 2025 bis Anfang 2026. Dies aber nicht nur wegen dem ganzen Getöse um mich herum, sondern weil sich mir auch eine Chance eröffnet hat. Eine Chance, die ich trotz Zögern nutzen wollte, die aber auch viel Zeit in Anspruch genommen hat.
Denn ab Sommer 2025 schrieb ich an meinen eigenen Songs und dieses Mal so richtig – mit dem nötigen Equipment und Unterstützung.

Die erste Single «Dreckige Hände» erschien am 14. Februar und ist ein «Anti-Valentinstagsong», wobei er nicht gegen die Liebe ist, sondern sinnbildlich für falsche Gefühle und leere Versprechungen steht. Etwas, was wohl die Meisten von uns schon durchmachen mussten – auch ich. Den Song habe ich aber für eine Freundin geschrieben, denn wie gesagt, war 2025 ein wirklich seltsames Jahr. So haben sich auch viele getrennt und bei vielen sitzt der Schmerz bis heute sehr tief. Wie auch bei meiner Freundin. Und es wäre ein Leichtes gewesen, ein trauriges Lied zu schreiben, aber ich wollte ihr Mut machen und aufzeigen, dass sie aus dieser Erfahrung stärker hervorgehen wird. Sie sollte, wenn sie den Song hört, aufspringen und wie ein Gummiball durch die Gegend hopsen.
Und unter uns gesagt: So sehr eine Trennung auch erst schmerzt, hat sie letztlich meist auch etwas Gutes. Auch, wenn man es erst nicht sehen kann. Aber manchmal geht man gestärkter aus der Erfahrung hervor, vielleicht entsteht sogar etwas Kreatives (wie Songs, Gedichte, o. a.), und manchmal lernt man auch jemand Neues kennen, der besser zu einem passt. (Und ich mag es allen gebrochenen Herzen da draussen wünschen!) 🙏
Beziehungsthemen waren aber letztes Jahr stark in meinem Umfeld vertreten und so war mir klar, dass ich vor allem über diese schreiben wollte. Und ich möchte mit den Songs ebenfalls Mut machen.

Auf jeden Fall waren bis Januar 2026 alle Verträge unterzeichnet, entstand das Cover für die Single, der Song wurde noch mal gemastert … und auch weitere Songs sind bereits entstanden. Deshalb darf man sich schon jetzt auf Weiteres freuen – aber nur kein Stress! Denn natürlich steht meine Gesundheit immer an erster Stelle. ✨
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Nun mag sich vielleicht der ein oder andere fragen, wie das Musizieren mit der Hörschädigung klappt. Denn neben dem Songwriting habe ich im letzten Jahr auch das DJing für mich entdeckt.

Nachfolgend ein paar Tipps, wie ich das mache:
Ich kenne jeden Song sehr gut, den ich spiele.
Ich übe viel und so lange, bis sich jedes Set stimmig anhört.
Ich orientiere mich dabei nicht nur am Sound, sondern im Musikprogramm auch an dem Beatgrid. Er zeigt, wo jeder Schlag im Song liegt. Ist man nämlich hörgeschädigt, orientiert man sich vor allem mit den Augen.
Aber ganz wichtig: Ich lasse mich durch Rückschläge nicht entmutigen, denn Musik sollte Spass machen und dieser steht für mich an erster Stelle!
Und mit genauso viel Passion gehe ich auch an das Songwriting, aber ich weiss, dass meine Musik nicht perfekt ist. Ich bin nicht perfekt. Aber das ist kein Mensch. Wichtig ist aber, dass man das tut, was man liebt und sich nicht beirren lässt. Und um ehrlich zu sein, ist dieser (musikalische) Neuanfang auch eine Entschuldigung an mich selbst. Für all die Jahre, die ich mich hintenangestellt habe. Sei es wegen den Krankheiten, oder anderen Umständen.

Es macht auf jeden Fall ganz viel Spass! Und ich hoffe, dass vielleicht auch DU Freude daran haben wirst, dich mit meiner Musik identifizieren kannst und sie dir etwas Mut macht, falls du es brauchst.
In diesem Sinne: Auf einen Neuanfang! 💛
Von Herzen DANKE,
Anne


