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Das Leben mit leeren Gedanken

Aktualisiert: 18. Apr.

Um ganz ehrlich zu sein:

 

Dass ich das Thema öffentlich gemacht habe, hat mich mehr Überwindung gekostet, als über den Hirntumor zu sprechen. Noch immer haben nämlich viele Menschen ein falsches Bild von psychischen Erkrankungen wie etwa einer Depression.

 

So sind einige noch immer der Meinung, dass man für eine körperliche Erkrankung nichts kann, jedoch bei psychischen Erkrankungen die Schuld trägt.


Dass man sich doch einfach «zusammenreissen soll».


Dass man doch «ein schönes Leben hat».


Die Liste der Vorurteile ist noch länger …

 

Eine Depression ist aber mehr als nur das Eine oder das Andere. Und vor allem ist sie mehr als Traurigkeit. So unterschiedlich wie wir Menschen sind, so unterschiedlich ist auch eine psychische Erkrankung, deren Symptome und der Verlauf. Auch, wenn jemand die gleiche Diagnose erhalten hat. Gleich ist es bei den Hirntumoren, wie ich es schon des Öfteren gesagt habe. Und oft gibt es nicht nur einen Auslöser.



Wenn ich zurückblicke, dann fing meine Depression an, als ich noch in den Kinderschuhen steckte.

 

Meine Familie zog um und ich fand lange keinen Anschluss. Damit ich nicht so alleine blieb, schenkten meine Eltern mir einen Hund, der mein bester Freund wurde. Seither kann ich auch nicht mehr ohne Tiere leben, bin auch ehrlich gesagt lieber mit ihnen zusammen als mit Menschen. Das lag aber auch an den weiteren Erfahrungen, die ich machen musste: Mobbing von Mitschülern und Lehrern, schlechte Erfahrungen in Beziehungen, der Suizid eines nahestehenden Menschen und das nicht Wahrnehmen meiner Eltern. Letzteres nehme ich ihnen nicht mal böse, denn auch sie hatten eine schwere Zeit und arbeiteten viel um die Familie über Wasser halten zu können. Aber so wurde meine Depression übersehen. Denn erstens kannte man sich zur damaligen Zeit noch nicht damit aus und andererseits wurde ich einfach als «traurige, apathische Träumerin» wahrgenommen. Nebst all den äusserlichen Problemen kamen dann noch die innerlichen Veränderungen dazu, die man so als Teenager durchmacht. Man ist nicht Fleisch, nicht Fisch, weiss nicht, wo oben oder unten ist und muss sich erst einmal wieder- und auch zurechtfinden. Ein Grund, warum ich, glaube ich, so gut mit den Jugendlichen mitfühlen kann.

 

Nichtsdestotrotz kam ich dann aber an einen Punkt, wo mir alles zu viel wurde, ich keinen Ausweg mehr fand und eine Dummheit nach der anderen machte. Ich werde hier aber jetzt nicht ins Detail gehen und triggern, aber zum Beispiel gehörte selbstverletzendes Verhalten dazu.

 

Dann kam eine Zeit, in der ich dachte, jetzt wäre alles wieder gut. Das war die Zeit, in der ich in die Schweiz ausgewandert bin. Was ich jedoch nicht wusste war, dass es keinen Unterschied macht, wohin man geht – Probleme, Sorgen und ja, auch die Depressionen kommen immer mit.



Wenn ich daran denke, wie ich die Depression wahrgenommen habe (und ich spreche hier explizit in der Vergangenheitsform), dann fühlte ich mich vor allem leer, schwer, verloren, erschöpft, ja und auch traurig. Manchmal konnte ich gar nicht mehr aufhören zu weinen. Ein Grund sah ich manchmal nicht für mein Verhalten, aber ich wusste, dass etwas nicht stimmte. Das konnte ich aber immer erst wahrnehmen, wenn ich aus diesem «Tief» wieder draussen war. Menschen um mich herum merkten aber schon bald, dass etwas nicht stimmte, ohne es selber einstufen zu können. So verlor ich viel Körpergewicht, konnte nicht mehr essen und schlafen, war von einem Moment auf den Nächsten apathisch.

 

Zum Glück nahm man mich ernst, Jahrzehnte nach meinen ersten Symptomen. Seither habe ich zwei tolle Ärztinnen an meiner Seite. Eine kümmert sich um meinen Körper und dass ich zum Beispiel gute Blutwerte habe, die andere ist meine Therapeutin. Sich auszusprechen hilft. Aber bevor ich aufzeige, was hilfreich sein kann, möchte ich Euch ein paar Beispiele aufzeigen, welche eine Depression auslösen könnten und meist ist es ein Zusammenspiel aus mehreren Sachen:

 

  • Beziehungsprobleme wie etwa eine Trennung oder Scheidung

  • Tod eines nahestehenden Menschen

  • Liebeskummer

  • Verlust der Arbeitsstelle

  • ein Umzug

  • Geldsorgen

  • Vererbung (Depressionen können leider vererbt werden.)

  • ungesunder Lebensstil (Alkohol, zu viel Zucker, etc.)

  • eine Erkrankung wie Krebs und die daraus resultierenden Erfahrungen wie z. B. eine Chemo-Therapie

  • ein Unfall z. B. im Strassenverkehr

  • psychische Gewalt wie z. B. Mobbing

  • physische Gewalt

  • die dunkle Jahreszeit (Frühling-/Herbst-/Winter-Saison)

  • trübes, verregnetes und kaltes Wetter, keine Sonne

  • und vieles mehr

 

Bei mir ist es in der Tat ein Zusammenspiel aus meinen Erfahrungen (jedoch spielt der Hirntumor da keine Rolle. Ich kam und komme sehr gut mit der Fazialisparese und auch der Gehörlosigkeit klar.) und leider auch Vererbung. In meiner Familie gab/gibt es Menschen mit Depressionen. Einige haben ihrem Leben auch selber ein Ende gesetzt. Da, wie vorher erwähnt, Depressionen vererbt werden können, bin ich auch umso aufmerksamer was mein Kind angeht. Ich kann mich in sie hineinversetzen, wenn sie sich zum Beispiel traurig fühlt und bin immer für sie da.

 

Das wäre auch der erste Punkt, wie man einer depressiven Person helfen kann:

 

  • Verständnis haben: Eine depressive Person ist nicht depressiv, weil es ihr Spass macht und sie jemanden ärgern will. Sie kann nichts dafür. Eine Depression ist eine Krankheit und kann wirklich jeden treffen.

  • Sei da: Frag die betroffene Person, wie es ihr geht und ob ihr etwas unternehmen könnt. Mach am besten konkrete Vorschläge. Das kann auch «nur» ein Picknick auf dem Balkon oder dem Garten sein.

  • Nicht zu vorsichtig: Viele haben das Gefühl, dass sie depressive Menschen triggern, wenn man mit ihnen über suizidale Gedanken spricht. Dem ist aber nicht so. Sprich offen darüber, frage nach. Und wenn wir schon beim Thema Reden sind:

  • Reden hilft: Eine Therapie kann helfen. Deshalb sollte man einen Psychologen oder Psychiater aufsuchen, oder, wenn es keine Plätze mehr gibt, sich auf die Warteliste setzen lassen. Wer anonym Hilfe sucht, sollte eines der hiesigen Angebote im Internet in Anspruch nehmen (z. B. Die Dargebotene Hand).

  • Wenn alles nichts hilft: Dann ab zum Arzt, oder am besten gleich ins Krankenhaus. Viele Menschen haben nach wie vor eine falsche Vorstellung von der Psychiatrie. Dass man quasi ans Bett gefesselt wird und sein Leben komplett in die Hände des Personals geben muss. Dem ist aber nicht so. Dort kommt man wieder zur Ruhe, Fachkräfte stehen einem zur Seite und man kann sich mit Gleichgesinnten austauschen.



Was mir übrigens sehr hilft ist schlafen. Das half mir irgendwie schon immer. Aber besonders bei einer Depression fühlt man sich oftmals richtig erschöpft, da es mental sehr anstrengend ist und dadurch auf den Körper schlagen kann.

 

Dann helfen mir noch

 

  • Tiere (besonders das Zusammensein und mit ihnen interagieren),

  • mich in der Natur aufzuhalten,

  • zu reisen,

  • zu lesen,

  • zu schreiben (Blogbeiträge, Tagebuch, etc.),

  • kreativ sein (basteln, malen, etc.),

  • ausmisten/aufräumen (sich auch von Dingen trennen),

  • zur Arbeit gehen (= einem geregelten Tagesablauf nachgehen),

  • gebraucht werden (auf Arbeit, bei Freunden, den Kindern, etc.),

  • Freunde treffen, gemeinsame Zeit verbringen und viel lachen

  • Sport/Bewegung, wie z. B. Pilates und

  • Meditation,

  • Musik hören,

  • gutes Essen,

  • genug Wasser trinken,

  • kleine Auszeiten, um z. B. einen Kaffee zu geniessen

  • Vitamine einzunehmen (u. a. Vitamin D, B12, Eisen, etc.) und in diesem Zusammenhang auch

  • regelmässige Arztbesuche mit Untersuchungen und natürlich meine Therapie.

 

Ich glaube, es ist wichtig, den für sich perfekten Umgang mit dieser Erkrankung zu finden. Was einem gut tut, das sollte man auch machen. Natürlich vorausgesetzt, es schadet der Gesundheit nicht. Aber wenn man erst einmal an den Punkt angekommen ist, dass man mit der Depression umgehen kann, dann weiss man, dass man selber Herr (oder in meinem Fall Frau) über sein Leben ist. Dass das Leben trotzdem schön ist, auch, wenn man sich gerade nicht so gut fühlt und dass eine Depression nichts weiter als leere Gedanken sind, die man wieder füllen kann, wenn es vorüber ist. Denn eine Depression ist für mich nichts anderes mehr als das: Ein Anflug von leeren Gedanken, die zum Glück mittlerweile weniger geworden sind. Ich bin aber dafür zuständig, diese leeren Gedanken zu füllen – und das mit Positivität.


Und ja, die Depression gehört zwar zu meinem Leben dazu, bestimmt dieses aber nicht mehr. ☀️



Hinweis:

Dieser Blogbeitrag beinhaltet meine eigenen Erfahrungen, welche nicht mit den Erfahrungen anderer Menschen übereinstimmen müssen. Das Lesen und jegliche Interaktion des Geschriebenen geschieht auf eigene Gefahr. Alle Angaben sind ohne Gewähr.

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