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Ein (verdrängtes) Trauma und seine Folgen

Immer mal wieder denke ich an eine Begebenheit, als ich ein Teenager war. Damals empfand ich es als sehr unangenehm, fühlte mich sehr schlecht. Was ich nicht wusste war, dass ich diese Begebenheit mein Leben lang mitschleppen würde und es letztlich zu dem werden würde, was es ist: ein Trauma.



Um ein Trauma zu verstehen, muss man sich damit auseinandersetzen. Was hilft ist das Verständnis, was es ist und auch darüber zu sprechen. Das kann mit einem Therapeut und/oder anderen Betroffenen sein, natürlich auch mit Familienangehörigen oder Freunden. Aber fangen wir mal von vorne an:


Es war ein wirklich schöner Frühlingsnachmittag, als ich mir nach der Schule ein Herz gefasst und mich in ein Strassencafé gesetzt habe. Das mag jetzt für den einen oder anderen nichts ungewöhnliches sein, aber für jemanden wie mich, der sehr zurückhaltend und auch ängstlich war, war das schon eine grosse Herausforderung. In dem Café wollte ich für den nächsten Test lernen. Ich glaube mich erinnern zu können, dass es über meinen Lieblingsdichter Goethe gehandelt hat. Auf jeden Fall sollten wir einige Zeilen aus «Faust» lernen.


Kurze Anmerkung am Rande: Später veranstalteten eine Freundin, ihre Schwester und ich sogar eine Aufführung, in der ich «Mephisto» gespielt habe. Wir waren Feuer und Flamme für dieses Werk!


Auf jeden Fall hatten die beiden Ladies keine Zeit und ich setzte mich alleine in das Café. Zum ersten Mal überhaupt in meinem Leben. Das Cafè lag auf einem grossen, gepflasterten Platz, umringt von einem kleinen Brunnen, Häusern und einigen Geschäften. In der Mitte waren die Stühle und Tische aufgestellt und ich setzte mich an einen, bestellte ein Getränk, las in meinen Notizen und beobachtete hin und wieder die Passanten, während mir die Sonne ins Gesicht schien. Ich fühlte mich gut und mochte die Stimmung.



Kurze Zeit später setzten sich eine ältere Dame und ihre männliche Begleitung an den Tisch links hinter mir. Wie die beiden aussahen wusste ich nicht, da ich mit dem Rücken zu ihnen sass und mich auch nicht umdrehte. Aber irgendwie hatte ich nach kurzer Zeit ein Bild vor Augen: Die Frau, schon älter, abgemagert mit Falten und schwarzen oder hellrot gefärbten, ungepflegten Krausehaaren, mit starkem Make-up und in Leder gehüllt. Ab und an hörte ich ihren Schmuck klimpern und beide hatten eine sehr rauchige Stimme. Das passte zu meinem Bild, welches ich im Kopf hatte, denn sie zündeten sich eine Zigarette nach der anderen an. Da die beiden wohl nichts Besseres zu tun hatten, begannen sie über mich zu lästern. Vor allem mein Aussehen hatte es den Beiden angetan. Die Worte trafen mich aber und mein Herz begann zu rasen. Ich tat jedoch so, als ob ich ganz vertieft in meinen Text wäre und sie nicht hören würde. Aber ich fühlte mich richtig schlecht und mein Körper begann zu zittern.


Ich wartete sehnsüchtig darauf, dass die Bedienung wieder vorbeikommen würde. Es fühlte sich nach einer Ewigkeit an, bis ich zahlen und mit meinem Schulrucksack schnell das Weite suchen konnte. Dabei schaute ich nicht einmal zurück, aber mein Herz schlug immer noch bis zum Hals.



Nun mag man meinen, dass das ja nicht schlimm gewesen ist, aber für mich, die sich zum ersten Mal traute, sich alleine in ein Café zu setzen und dann noch so ein ängstlicher Mensch war, begleitete mich diese Begebenheit sehr, sehr lange und immer wieder mal in meinen Gedanken auftauchend. Dabei wusste ich nicht einmal warum. Es verinnerlichte sich aber so stark, dass ich bis heute keinen Fuss mehr alleine in ein Café gesetzt habe. Zu gross war die Angst, dass mir dies wieder passieren würde. Heute weiss ich jedoch, dass dies eine traumatische Begegnung war und das kann jedem Menschen passieren. Es kann auch für jeden Menschen etwas anderes sein, selbst eine Erkrankung. Es spielt nämlich keine Rolle, ob die Erfahrung jetzt mentaler oder physischer Art ist, denn ein Trauma wird ausgelöst durch ein überwältigendes und von aussen einwirkendes Ereignis. Dabei kann es zu starken Anspannungszuständen mit Herzrasen, Schwitzen, sogar Schlafstörungen, Albträumen bis hin zu dissoziativen Zuständen kommen.


Wichtig ist, damit nicht alleine zu bleiben und wie vorab geschrieben, sich jemandem anzuvertrauen. Das habe ich damals nicht getan, weswegen ich dieses Trauma bis ins Erwachsenenalter mitgeschleppt habe. Heute sehe ich es als das an, was es war, bekomme nicht mehr von dem Gedanken daran Herzrasen und habe meinen Frieden damit gefunden. Im Nachhinein tun mir diese beiden Gestalten irgendwie auch leid. Denn wer sich über andere Menschen lustig macht (zumal als Erwachsener über ein Kind) oder sich erhaben fühlt, hat ein fehlendes Selbstwertgefühl und weder emotionale, noch geistige Intelligenz.



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